Kindertage auf Burg Aspel - Folge 1
Irmgard ahnt noch wenig von drohender
Gefahr, die sich um ihr kleines Leben zusammenballt. Noch atmet ihre
Seele Paradieseshauch. Noch weiß sie nichts vom Hass und Neid der
Menschen. Alles ist so selbstverständlich in ihrer Kinderwelt: die
Sorge der liebenden und heißgeliebten Mutter, die hingebende Treue
Gerburgas, der alten Kindermagd, die herrlichen Augenblicke, wenn der
Vater zu Hause ist und mit seinem Kind fröhlich scherzt. Achtsam
erlauscht sie sein Kommen; jauchzend springt sie ihm entgegen, wenn
er müde und bestaubt durchs mächtige Schlosstor reitet.
Lauter Glück und Geborgenheit ist
Irmgards Reich. Dazu gehört auch der Garten, der sich hinter der
Burg zum Walde hinzieht. Dort spielt sie unter den dickstämmigen
Buchen und den knorrigen Eichbäumen. Dort vergnügt sie sich auf der
Wiese, die zwischen dem Wachtturm und dem Graben blüht. Oder aber
sie sitzt stundenlang bei den Silberpappeln "am Meer", dem
großen See, der die Burg uneinnehmbar macht.
Der Wind haucht blitzende Kreise auf
die Wasserfläche. Die Sonne wirft Goldstaub über das Geringel.
Mücken tanzen ihre zuckenden Reigen im warmen Licht. Das Kind sitzt
davor und schaut dem Leuchten zu und dem vielfältigen, spielendem
Leben, das auch in ihm selbst pulst. Am jenseitigen Ufer sieht sie
das Schloss ragen. Drinnen weiß sie die Mutter und die vielen aus
dem Gesinde, die immer gut sind und lachen, wenn das Kind erscheint.
!Irmgard!" klingt da eine
Knabenstimme von der Plankenbrücke her, die zu einer schmalen
Landzunge führt. Über den Steg gelangt man schnell zu der äußersten
Spitze der kleinen Halbinsel: ein wunderschönes, ganz von Wasser
umgebenes Plätzchen, das zu betreten leider die Mutter strenge
verboten hat. "Irmgard, wo steckst du?" Zornig und böse
klingt es. "Komm schnell, sonst..." Das Kind fährt bei
diesem Ruf zusammen. Es lässt die Blumen fallen, die es durch
prunkvolle Verschlingung der Stiele zu einem Kränzlein flechten
wollte. Hastig springt sie von der übermoosten Baumwurzel. Der
Goswin! Wie kommt der wieder in die Burg? Irmgards Herz stößt in
wilden Stößen. Immer wenn Goswin in der Nähe ist, überkommt sie
jähe Angst. Da taucht er schon aus dem Gebüsch am Ufer. "Irmgard,
was treibst du da so allein? Komm, wir spielen!" Ein
wohlgezielter dicker Stein schlägt platschend neben dem Kind in den
See. Das aber fängt an zu weinen und läuft dem Schlosse zu. "Lauf
nur, dumme Trine, ich werde dich schon fangen...Dann sollst du was
erleben."
Wütend springt der Junge der
fliehenden her. Diese aber schreit zum Erbamen: “Mutter, Mutter!“
und „Gerburga, Gerburga!“… Wenn die doch in der Nähe wäre,
die Gerburga! Denn nun ist in dem Kind wirkliche Not!
Goswin ist das erste Dunkel in diesem
hellen Kinderleben. Er bringt Bedrohung, Schrecken, atemraubende
Furcht. Goswin stört nicht nur böswillig jedes Spiel. Er reißt
Irmgard an den blonden Haaren, er peinigt Sie wo und wie er nur kann.
„Warte, ich will dich schon fangen.“
Dies Kriegsgeschrei jagt das kleine Mädchen unzählige Male aus
seinem lieblichen Spiel. Jagt es, bis es in schützenden Armen sich
beruhigen kann, bis die dunkle Not in der Kinderseele vom guten Wort
der Mutter oder der Amme gebannt wird.
Graf Godizo hat den halbwüchsigen
einmal im Stalle bei den Pferden überrascht, wie er voller
Hingegebenheit sein abscheuliches Tun die Tiere quälte. Ein anderes
Mal traf er ihn hinter dem Gesindehaus, damit beschäftigt, einer
Lerche die Augen auszustechen. Graf Godizo hatte den Knabenscharf zur
Rede gestellt und ihm verboten, je wieder ins Schloß zu kommen.
Seitdem hatte sich die Spannung zwischen Godizo und Balderich, des
Knaben Vater und des Aspeler Grafen Waffengefährten beim Sturm auf
Uplade, noch verschlechtert. Das diese Entfremdung bestand und wuchs,
war dem Grafen „vom Meer“ eine ebenso traurige wie rätselhafte
Tatsache. Seitdem Balderich im Verein mit Godizo die Feste Uplade
gebrochen hatte, wich er dem Freunde offensichtlich aus. Er erschien
nicht, als das der Graf zur Jagd lud und das frohe Halaliklang in den
dichten gräflichen Wäldern. Er fehlte im Herrensaal beim Bankett,
als Godizo mit seinen Mannen den Sieg über die unholde Gräfin Udela
feierte.