Freitag, 24. März 2023

Die hl. Irmgard von Aspel - 2. Kindertage auf Burg Aspel - Folge 1

 

Kindertage auf Burg Aspel - Folge 1 

Irmgard ahnt noch wenig von drohender Gefahr, die sich um ihr kleines Leben zusammenballt. Noch atmet ihre Seele Paradieseshauch. Noch weiß sie nichts vom Hass und Neid der Menschen. Alles ist so selbstverständlich in ihrer Kinderwelt: die Sorge der liebenden und heißgeliebten Mutter, die hingebende Treue Gerburgas, der alten Kindermagd, die herrlichen Augenblicke, wenn der Vater zu Hause ist und mit seinem Kind fröhlich scherzt. Achtsam erlauscht sie sein Kommen; jauchzend springt sie ihm entgegen, wenn er müde und bestaubt durchs mächtige Schlosstor reitet.

Lauter Glück und Geborgenheit ist Irmgards Reich. Dazu gehört auch der Garten, der sich hinter der Burg zum Walde hinzieht. Dort spielt sie unter den dickstämmigen Buchen und den knorrigen Eichbäumen. Dort vergnügt sie sich auf der Wiese, die zwischen dem Wachtturm und dem Graben blüht. Oder aber sie sitzt stundenlang bei den Silberpappeln "am Meer", dem großen See, der die Burg uneinnehmbar macht.

Der Wind haucht blitzende Kreise auf die Wasserfläche. Die Sonne wirft Goldstaub über das Geringel. Mücken tanzen ihre zuckenden Reigen im warmen Licht. Das Kind sitzt davor und schaut dem Leuchten zu und dem vielfältigen, spielendem Leben, das auch in ihm selbst pulst. Am jenseitigen Ufer sieht sie das Schloss ragen. Drinnen weiß sie die Mutter und die vielen aus dem Gesinde, die immer gut sind und lachen, wenn das Kind erscheint.

!Irmgard!" klingt da eine Knabenstimme von der Plankenbrücke her, die zu einer schmalen Landzunge führt. Über den Steg gelangt man schnell zu der äußersten Spitze der kleinen Halbinsel: ein wunderschönes, ganz von Wasser umgebenes Plätzchen, das zu betreten leider die Mutter strenge verboten hat. "Irmgard, wo steckst du?" Zornig und böse klingt es. "Komm schnell, sonst..." Das Kind fährt bei diesem Ruf zusammen. Es lässt die Blumen fallen, die es durch prunkvolle Verschlingung der Stiele zu einem Kränzlein flechten wollte. Hastig springt sie von der übermoosten Baumwurzel. Der Goswin! Wie kommt der wieder in die Burg? Irmgards Herz stößt in wilden Stößen. Immer wenn Goswin in der Nähe ist, überkommt sie jähe Angst. Da taucht er schon aus dem Gebüsch am Ufer. "Irmgard, was treibst du da so allein? Komm, wir spielen!" Ein wohlgezielter dicker Stein schlägt platschend neben dem Kind in den See. Das aber fängt an zu weinen und läuft dem Schlosse zu. "Lauf nur, dumme Trine, ich werde dich schon fangen...Dann sollst du was erleben."

Wütend springt der Junge der fliehenden her. Diese aber schreit zum Erbamen: “Mutter, Mutter!“ und „Gerburga, Gerburga!“… Wenn die doch in der Nähe wäre, die Gerburga! Denn nun ist in dem Kind wirkliche Not!

Goswin ist das erste Dunkel in diesem hellen Kinderleben. Er bringt Bedrohung, Schrecken, atemraubende Furcht. Goswin stört nicht nur böswillig jedes Spiel. Er reißt Irmgard an den blonden Haaren, er peinigt Sie wo und wie er nur kann.

„Warte, ich will dich schon fangen.“ Dies Kriegsgeschrei jagt das kleine Mädchen unzählige Male aus seinem lieblichen Spiel. Jagt es, bis es in schützenden Armen sich beruhigen kann, bis die dunkle Not in der Kinderseele vom guten Wort der Mutter oder der Amme gebannt wird.

Graf Godizo hat den halbwüchsigen einmal im Stalle bei den Pferden überrascht, wie er voller Hingegebenheit sein abscheuliches Tun die Tiere quälte. Ein anderes Mal traf er ihn hinter dem Gesindehaus, damit beschäftigt, einer Lerche die Augen auszustechen. Graf Godizo hatte den Knabenscharf zur Rede gestellt und ihm verboten, je wieder ins Schloß zu kommen. Seitdem hatte sich die Spannung zwischen Godizo und Balderich, des Knaben Vater und des Aspeler Grafen Waffengefährten beim Sturm auf Uplade, noch verschlechtert. Das diese Entfremdung bestand und wuchs, war dem Grafen „vom Meer“ eine ebenso traurige wie rätselhafte Tatsache. Seitdem Balderich im Verein mit Godizo die Feste Uplade gebrochen hatte, wich er dem Freunde offensichtlich aus. Er erschien nicht, als das der Graf zur Jagd lud und das frohe Halaliklang in den dichten gräflichen Wäldern. Er fehlte im Herrensaal beim Bankett, als Godizo mit seinen Mannen den Sieg über die unholde Gräfin Udela feierte.

Dem Schlossherrn ahnt Unheil, das irgendwie und irgendwann niederfahren muß wie der Wetterstrahl aus der Wolke; und er ist auf der Hut.

Im Frauensaal arbeitet die Burgherrin mit ihren Mägden an großen Stickrahmen Teppiche und Priestergewand für den herrlichen Dom in Bamberg. Kaiser Heinrich II. Kunigunde, die hohen Verwandten des Aspeler Hauses, bauen in das herrliche Gotteshaus alles Lob- und Bittgebet ihrer heiligen Herzen. Noch haaren Schiff und Türme der Vollendung. Es mögen noch Jahre dahingehen, bis erstes feierliches Geläut die Menschen vor die Altäre ruft zum Opfer des Brotes und des Weines. Aber es braucht auch Jahre noch, bis die Bilder aus schimmernden Seidenfäden stehen brokatenen Tuch. Irmgard liebte es den Frauen beim Werk zuzusehen. Ihre zarten Finger wählen sehr sicher den richtigen Farbton für das entstehende Gebild. Und die hellen, frohen Farben sucht sie am eifrigsten. Die erlauchte Muhme hatte lächelnd und wundernd Irmgards Geschicklichkeit gemerkt bei einem Besuch auf dem Schloß. Und hatte die kleine liebevoll ans Herz gedrückt. „Recht so, recht so, liebes Kind“, hatte Sie in die Blauaugen hineingesagt. „Man sollte immer das Lichte hervorholen und es dahin tragen, wo Dunkel ist“…

Das Kind hatte ernst und begreifend genickt. Und Abend aber schleppte es den schweren Leuchter aus der Vorhalle in der Mutter Kammer. Die Schloßfrau laß dort auf der Bank im Erker und schaute Sinnend in die friedliche Dämmerung. Erstaunt blickte Sie zu der kleinen Tochter hin, die ihre Last kaum festhalten vermochte: „ Aber, Kind, was soll das?“ Doch beim Erinnern an die Muhme und Ihre Worte wich jeder Vorwurf aus Ihrer Stimme. Sie küsste der kleinen Tochter Stirn: „ Das ist lieb von dir, ans Licht zu denken. Vergiss es Dein Leben nicht, dann wirst Du glücklich sein“ …

Sonderlich schön ist es an diesem Lenztag in der weiträumigen Kemenate. Durch die offenen Fenster strömt Sonnenwarme, würzige Luft. Die Stille im Gemach wird durchklungen vom Gezwitscher der Vögel, das aus den Bäumen herübertönt. 

Fortsetzung hier

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